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Wir sind Schmutz, sagt Facebook

Wahrscheinlich haben Sie schon davon gehört, dass Apple bei seinem Online-Shop für iPhone-Anwendungen jetzt noch strenger durchgreift. Seit ein paar Tagen sperrt der Computer- und Telefonhersteller alle iPhone-Apps mit „offen sexuellem Inhalt“. Hunderte von Entwicklern, die ihr Geld mit solchen Anwendungen verdienen, müssen wieder bei null anfangen.
Persönlich habe ich keine große Sympathie für kleine, billig gemachte (und ziemlich harmlose) Anwendungen mit Fotos von strippenden Frauen oder Zeichnungen mit Sexpositionen. Hunderttausende von volljährigen iPhone-Besitzern sahen das anders und kauften diesen Ramsch. Und da wir nicht in einer puritanischen Diktatur leben, sollte dies ihr gutes Recht sein.
Dummerweise sieht es so aus, als machten sich die Hüter von Moral und Anstand gerade daran, uns ihre Regeln aufzuzwingen.
Wir (Anja, Theresa und ich) nutzen privat und beruflich Facebook und haben dort sogar eine Feigenblatt-Fanseite eingerichtet. Facebook bietet auch für kleine Budgets recht interessante Werbemöglichkeiten an, die wir mal ausprobieren wollten. Deshalb habe ich eine kleine Anzeige mit kurzem Text und dem Cover der kommenden Feigenblatt-Ausgabe gebastelt.
Entwurf der Facebook-Werbeanzeige„Das Werben für den Inhalt in Deiner Werbeanzeige ist untersagt“, teilte man mir am nächsten Werktag mit. „Werbeanzeigen für dieses Produkt (…) sind in keiner Form gestattet und können dazu führen, dass Dein Konto gesperrt wird.“
Offenbar habe ich mich schuldig gemacht, „Inhalte für Erwachsene, einschließlich Nacktheit, sexueller Ausdrücke und/oder Bilder, auf denen Personen in Positionen oder bei Handlungen dargestellt werden, die übermäßig suggestiv oder sexuell sind“ in die heile Welt der Facebook-Community einzuschmuggeln.
Ja, Facebook, ich bekenne: Ich bin schmutzig. Ich bin Mitherausgeber eines (jetzt müsst ihr ganz stark sein) Erotikmagazins.
Ist es nicht grotesk? Während sich Musikvideos und Werbeanzeigen in sexuell aggressiven Posen überbieten und immer mehr junge Mädchen davon träumen, ihren Körper als Model möglichst teuer zu verkaufen, kämpfen Facebook und Apple für eine Disney-Welt mit Streichelzoo-Charakter. Wahrscheinlich kennen sie Sexualität nur als ekelhaft, schuldbeladen und pornographisch – und in dieser Logik kann man verstehen, dass sie sie abwehren.
Eigentlich können sie einem leidtun, die neuen IT-Puritaner.

Autor: Herbert Braun

Mitherausgeber des Feigenblatt Magazin und sowas wie der Chefredakteur.

5 Kommentare

  1. Traurig, ja sehr traurig diese Püderiewelle aus Übersee und irgendwie auch sehr bedenklich für ein Land, daß sich Meinungsfreiheit, etc. auf die Fahnen schreibt und dafür sogar Kriege führt (angeblich).

  2. Und nicht nur Facebook zwingt uns seine eigenen Moralvorstellungen auf. Auch Google.de schlägt in die gleiche Kerbe. Bald werden hier wohl keine erotischen Seiten mehr zu finden sein.
    Sucht mal auf google.de nach „lustundliebe“ und dann auf google.com.
    Wer sich jetzt erwachsen genug fühlt, um wieder Inhalte für Erwachsene zu finden, kann die Einstellungen in der Google-Toolbar ganz einfach ändern: Neben dem Suchfeld gibt es einen kleinen Pfeil nach unten neben dem Wort „Suchen“. Klick auf den Pfeil – Klick auf Verwalten – Klick auf den Reiter Suchen – bei „Zu verwendende Google-Website“ http://www.google.com auswählen – Speichern und in Zukunft wieder interessante Suchergebnisse erhalten.
    Ansonsten gibt´s ja zum Beispiel auch www. bing.com …

  3. Das Problem ist einfach das der unterschied zwischen Erotik und Porno mittlerweile extrem klein geworden ist. Viele wissen ja schon garnicht mehr was Erotik ist dank der „Youporn“ Aufklärung von jugendlichen geht dies besonders schnell verloren.

  4. @Erotische Blogs: Naja, ich sehe es sehr positiv, daß der Unterschied zwischen Erotik und Porno immer mehr verschwimmt, und zwar in dem Sinne, daß rein kommerzielle, sämtliche Gefühle und das ganze Vor- und Nachspiel vernachlässigende und extrem „steril“ wirkende Pornos immer mehr Konkurrenz bekommen durch z.B. „selbstgemachte“ Filme von Paaren, die sich tatsächlich lieben! Ist das dann eigentlich noch Pornographie?