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Weltfremde Verfassungshüter

Wer Inhalte für Erwachsene (denken Sie jetzt ruhig an Pornos) ins Internet stellen will, muss dafür ein aufwendiges Altersverifikationssystem einrichten – typischerweise das sogenannte Postident-Verfahren, bei dem man den potenziellen Besucher zur Post schickt, wo er sich ausweisen muss. Das gilt aber nur für deutsche Website-Betreiber. Anderswo macht man sich nicht so viele Sorgen um die Seelen der Jugendlichen, so dass heute jeder Zwölfjährige weiß, wo man Nahaufnahmen von jeder noch so bizarren Sexualtechnik kriegen kann.

Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt die Gelegenheit verstreichen lassen, dieser Groteske ein Ende zu setzen. Es hat die Verfassungsbeschwerde dreier Porno-Unternehmer gar nicht erst angenommen. Ich bin nicht der Ansicht, dass Pornografie in die Hände von jungen Teenagern gehört und meine Sympathien für die Pornoindustrie sind begrenzt. Aber diese Entscheidung hilft niemandem und verhindert eine halbwegs kontrollierbare inländische Industrie für Erwachsenenunterhaltung. Das Postident-Verfahren ist umständlich, teuer und schreckt Kunden ab; eine Altersverifikation etwa durch die Kreditkartennummer wäre realistisch und ausreichend.

Vielleicht sollten sich die Beschwerdeführer an die europäischen Wettbewerbshüter wenden. Die Pandora-Büchse mit den verbotenen Inhalten ist schon lange offen, und der Deckel ist weg.

Autor: Herbert Braun

Mitherausgeber des Feigenblatt Magazin und sowas wie der Chefredakteur.

4 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt verstehe ich die Aufregung nicht ganz. Nur weil im Ausland der Jugendschutz unzureichend gehandhabt wird, muss das doch in Deutschland nicht auch so sein. Irgendjemand muss eben damit anfangen. Und für das Abschreiben der Kreditkartennummer braucht ein 12-jähriger übrigens nur 10 Sekunden und einen unbeobachteten Moment.

  2. Vielleicht unterschätze ich Zwölfjährige, aber Papas Kreditkarte zu klauen und die Nummer einzutippen setzt für mich einiges an krimineller Energie voraus. Ich würde schätzen, dass man mit solchen Maßnahmen locker 95% der Teenager aussperrt.

    Und ich bezweifle, dass der deutsche Jugendschutz bald auf den Cayman-Inseln oder in Panama eingeführt wird.

  3. Ich sehe es ähnlich und halte den deutschen Jugendschutz für maßlos übertrieben. Das www kennt nun mal keinerlei Grenzen und hier sind nach meiner Meinung mehr die Eltern als der Gesetzgeber gefragt.
    Wenn Papa meint seine Kreditkarte der Jugend zur Verfügung zu stellen (und sei es nur durch herumliegen lassen) dann sollte er auch mit den Konsequenzen rechnen.
    Postident – auch hier wissen die Kinder bereits den (z.B. x-check) Zugang der Eltern zu nutzen.

    Anmerkend sei gesagt, daß auch ich gegen Porno im Kinderzimmer bin. Und (vielleicht gerade deshalb) da ich selbtst mit einer Seite im Erotikbusiness vertreten bin, achte ich auch darauf was meine Kinder sich im Netz ansehe. Aufklärung und Vertrauen – damit fahre ich besser als mit Gesetzen die doch recht wirkungslos sind. Wie sehen denn die Konsequenzen aus, wenn Kinder sich das ansehen ?

  4. @Smi & @Herbert Braun:

    12-jährige werden sich nicht nur auf deutsche Pornoseiten beschränken, wenn sie sich Pornos anschauen wollen. Statt einer deutschen Seite mit wie-auch-immer gearteter Altersverifikation wird „er“ dann auf $X-BELIEBIGE-PORNOSEITE.com gehen und dort die Filmchen ohne Altersverifikation sehen. Postident und Altersverifikation per Kreditkarte sind da gar kein Thema.

    Die *grundsätzliche* Altersverfikation muss für Anbieter aus .de einfach einfacher werden. Das Problem mit der Möglichkeit der Beschaffung von Pornografie im (globalen) Internet regelt kein deutsches Gesetz, da ist – wie Andreas richtig bemerkte – Aufklärung und Vertrauen gefragt.