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SHAME

Zugegebenermaßen bin ich da ja vielleicht mal wieder die grundsätzlich falsche Ansprechpartnerin: die Faszination Fassbender hat sich mir noch nie ganz erschlossen. Dieser Missing Link der Evolution zwischen Jürgen Milski und Ewan McGregor ließ mich von Anfang an kalt, und daran ändert sich auch jetzt nichts.

Auch wenn er den kleinen Michl auf Großleinwand vor mir hin- und herschwenkt und sein Gesicht knietief im Popo seiner Thaimasssasch-Expertin vergräbt, regt sich da bei mir genau: nix. Aber ich glaube, das soll so.

Denn Brandon, Fassbenders Charakter im vielgepriesenen SHAME, ist keiner, der einem ans Herz wächst oder irgendwann doch noch sympathisch wird. Er ist ein Getriebener, ein hochzivilisiertes Tier auf der ständigen Jagd nach Frischfleisch. Ein American Psycho der Generation Youporn, der fickt, anstatt zu morden und nicht ausbrechen kann aus seinem Kreislauf aus Sex und Leere.

Geil ist das auf keinem Auge, weder für den Zuschauer, noch für ihn: der petit mort bringt keinerlei Erlösung, sein Gesichtsausdruck ist derselbe verkrampft-verbissene, mit dem Fassbender schon Jane Eyre rumgekriegt hat – und dennoch ist es gerade dieses minimalistische Spiel, das in Kombination mit den ruhigen Bildern so nachhaltig zu verstören weiß.

Es gibt keine Wandlung oder Läuterung in SHAME, was bleibt, sind Fragen: Ist dieser Brandon so ein Arschloch, weil er sexsüchtig ist, oder ist er sexsüchtig, weil er so ein Arschloch ist? Was soll das überhaupt sein, Sexsucht? Ist es mehr als ein überstrapazierter, diffuser Begriff, der für alles mögliche herhalten muss, wie etwa das gute alte BURNOUT? Eine billige Ausrede für die Woods und Schwarzeneggers dieser Welt, oder doch eine ernstzunehmende Krankheit? Und wenn ja, wo verläuft die Grenze zwischen gesund und pervers?

A nymphomaniac is a woman who has more sex than you do heißt es ironisch im Kinsey-Report, ein Psychiater von der Harvard Medical School definiert als „sexabhängig“, Menschen, die über einen Zeitraum von sechs Monaten wöchentlich mindestens sieben Orgasmen haben und sich täglich ein bis zwei Stunden mit solchen Aktivitäten beschäftigen. (Weiß übrigens alles Wikipedia)

Neue Erkenntnisse also gleich null. Sieben Orgasmen pro Woche hat glaub ich so ziemlich jeder Typ, mit dem ich in den letzten 17 Jahren über Selbstbefriedigung geredet habe, und unsere allseits beliebte und vielzitierte Statistik zeigt da ja ganz ähnliches.

Ihr Schweine! Schaut euch SHAME im Kino an. Dann fühlt ihr euch wieder romantisch und wunderbar normal.

Allein wegen Carey Mulligan, die langsam aber sicher zur tollsten Frau der Welt wird.

SHAME, in Österreich ab 09.März im Kino, in Deutschland bereits angelaufen.

1 Kommentar

  1. „Sexsucht“ ist die Modekrankheit amerikanischer Konservativer, die eifrig an der Re-Stigmatisierung der Sexualität arbeiten. Da die religiöse Dämonisierung bei den meisten Leuten nicht mehr so recht zieht, muss man den Menschen eben einbläuen, dass ihr Sexualtrieb aus naturwissenschaftlich-medizinischer Sicht krankhaft sei. Wenn jene sich dann schuldig und unwohl fühlen (und andere Leute sie entsprechend behandeln), dann kommt der Leidensdruck von ganz alleine: eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

    In letzter Konsequenz handelt es sich um den Versuch, überkommene gesellschaftliche Repression über die (pseudo-)wissenschaftliche Schiene neu zu implementieren. Es ist auch keineswegs das erste Mal, dass so etwas probiert wird: im 19. Jahrhundert versuchte man, die untergeordnete Rolle der Frau biologistisch zu erklären, indem man ihr eine stark begrenzte „Lebenskraft“ zuschrieb, die sie nicht mit frivolen Tätigkeiten wie z.B. Bildung verschwenden sollte, da sie all ihre Energie für den Gebärauftrag bräuchte.

    Gibt es Leute, die aufgrund ihres stark ausgeprägten Sexualtriebs tatsächlich einen Leidensdruck empfinden und suchtähnliche Symptome wie Kontrollverlust und Zwangshandlungen an den Tag legen? Durchaus möglich. Allerdings hat dies auch viel mit gesellschaftlichen Normen, individueller Einstellung usw. zu tun.

    Es gibt so etwas wie „kulturspezifische“ seelische Leiden. Im Europa des 19. Jahrhunderts war es die Hysterie, bei den Ureinwohnern Kanadas die Wendigo-Psychose – und in Asien Koro, die überwältigende Angst davor, dass die eigenen Genitalien schrumpfen und sich ins Körperinnere zurückziehen.