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Nicolaus Sombart: Ein kleiner Nachruf

Nicolaus SombartLetzte Woche ist einer der großen Erotomanen der deutschen Literatur gestorben. Nicolaus Sombart, Dandy, Voyeur und Anarchist, Sohn von Werner Sombart (einem der Mitbegründer der Soziologie), Mitglied der Gruppe 47 und hoher Kulturfunktionär im Straßburger Europarat. Kennen gelernt habe ich ihn in seiner monumental großbürgerlichen Wohnung in einer der teuersten Straßen von Berlin-Wilmersdorf, wo er Bewunderer, allzu junge Frauen und Speichellecker aller Art empfing.

In dieser Kulisse gepflegter Unordnung und geistiger Größe, die sich auf verschlungenen Wegen vom 19. ins 21. Jahrhundert hinübergerettet zu haben schien, beauftragte er mich mit der Gestaltung seiner Website (sombart.de, ich bin nicht besonders stolz darauf); kennen gelernt haben wir uns, wie könnte es anders sein, über eine junge Frau. Noch mit über 80 strahlte er dabei eine jungenhafte Unschuld aus; er war ein wunderbarer Gesprächspartner, mal auf Augenhöhe, mal auf dem Podest, und ein schrecklicher Auftraggeber. Ich habe oft bedauert, ihn nur als Greis erlebt zu haben (und hätte ihn, nebenbei gesagt, gerne als Feigenblatt-Autor gewonnen).

Erzählende Texte gibt es kaum von ihm, das Gros seiner Bücher ist autobiografisch oder soziologisch – was nach strenger Wissenschaft klingt, aber bei Sombart meist in einer seltsam frivolen geistigen Promiskuität endete. „Die deutschen Männer und ihre Feinde“ etwa zeichnet die wilhelminischen Eliten als homophilen Männerbund, der aus sexueller Versagensangst gegenüber den beschnittenen Juden den Brudermord im Dritten Reich anstieß. Klingt nicht überzeugend? Dabei ist diese Erklärung für die deutsche Tragödie auch nicht unsinniger als alle anderen, aber dafür ungemein erfrischend.

Viele seiner Bücher sind autobiografisch, wobei Sombart sich mit zunehmendem Alter immer weniger scheute, intime Details von seiner Suche nach dem Paradies auf Erden preiszugeben – und wo sonst sollte man dieses suchen, wenn nicht in der Sexualität? Sein letztes Buch, das wir erst vor ein paar Monaten besprochen haben, zeigt dieses Programm vielleicht am klarsten. Das ist keine sabbernde Alterserotik, sondern politisches Programm. Sein „Journal intime“ aus den 80er-Jahren protokollierte die Gesprächsrunden der Westberliner Kulturschickeria ebenso wie die abendlichen Bordellbesuche.

Gönnen wir’s ihm. Er war ein Snob, ein Charmeur, ein Glückskind. Friede seiner Asche.

Autor: Herbert Braun

Mitherausgeber des Feigenblatt Magazin und sowas wie der Chefredakteur.

1 Kommentar

  1. Eine schöne und treffende Hommage – auch wenn dies ‚allzu junge Frauen‘ einen Touch von… Sexual-Neid oder -Mißgunst vermuten lassen könnte? -lach-

    Sorry, aber ich bin eben kein Vertreter der Gattung ‚Speichellecker aller Art‘ -schmunzel-

    Aber trotzdem: Eine Nachrede, der man gerne folgt -smile-