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Du hattest eine rote Jacke an

Weißt du noch, auf dem Festival letztes Wochenende? Who made Who haben Satisfaction gecovert und ganz kurz waren alle ganz glücklich und haben ganz laut mitgeschrien. Du bist größer als ich und dein schwarzer Lockenkopf mit den grauen Strähnen hat mich ganz willenlos gemacht und tanzen kannst du auch und was das bedeutet kann man schließlich in jeder beliebigen Frauenzeitschrift nachlesen. Unsere Kinder wären sehr schön und groß gewachsen und immer gut angezogen, und den ganzen Tag würde gute Musik laufen in unserer Altbauwohnung mit Designklassikern vom Sperrmüll.

Leider hatte die Band dann zuende gespielt und wir sind in verschiedene Richtungen gegangen zum Bier holen und dann war es dunkel und wir werden uns wahrscheinlich nie mehr wiedersehen.

Jeder kennt diese Momente, und die Welt wäre eine viel einfachere, wenn man wie an der Supermarkttheke unverblümt sagen könnte, was man will – 85 Kilo Männerfleisch, Freilandhaltung, ja, das Rückgrat dranlassen bitte, und wenn Sie noch eins mit Grübchen und umfassenden HBO-Serienwissen dahätten, dann nehm ich das, danke.

Doch das Leben ist kein Biobauernhof und schon gar keine Fleischfachverkaufstheke und die verpassten Momente kommen kommen nicht mehr zurück, und er ist ja der Typ, der hätte mich ja ruhig auch selber ansprechen können oder?

Berlin ist da – wie meistens – einen Schritt weiter. In der Rubrik Meine Augenblicke der BVG kann man sich registrieren und die Schnitte aus der Ubahn suchen, deren morgendliches Lächeln einen für den ganzen Arbeitstag beflügelt hat.

wie jeden tag sitze ich in der U2. es ist heiß und ich habe die zeitung vergessen. am wittenbergplatz stiegst du zu und setzt dich links neben mich. schwarze bluse, cremefarbene hose, schwarze flip-flops und ich glaube blaue augen – du warst einfach schön. ich bin völlig vernagelt und mir wird in meinem schwarzen anzug mit grauem hemd noch wärmer. wieso bin ich, scheinbar ferngesteuert von der täglichen routine, am potsdamer platz ausgestiegen und habe dich wegfahren lassen?
von einem gemeinsamen kaffee bleibt mir jetzt nur der wuschtraum… und die hoffnung, dass du diesen eintrag liest!

Liegt es an meinem Faible für auswegslose spontane Alltagsromantik, oder bricht das noch jemandem außer mir das Herz?
Anscheinend ja. Die Idee der BVG stammt wie so vieles aus New York, wo in der „Missed Connections“-Rubrik der Craigslist Stoff für mindestens viereinhalb Romane zu finden ist.

Oder für Missed Connections NY, einen extrem superen Blog, der genau solche Anzeigen illustriert.

Coole Menschen hätten den Typen mit dem Tattoo oder das Mädchen mit den blauen Augen wahrscheinlich einfach direkt angesprochen. Alle anderen murmeln ihnen online ein verlegenes thanks for existing hinterher. Denn die Liebe hat nichts mit coolsein zu tun. Sonst könnte man sie ja wohl an der Fleischtheke kaufen.

via: Missed Connections NY

8 Kommentare

  1. Vor vielen Jahren hab ich tatsächlich mal eine Suchanzeige für eine wunderschöne Frau aufgegeben, die ich mich in der U-Bahn nicht getraut hatte anzusprechen. Und sie hat geantwortet! Sie meinte, sie hätte ihr ganzes Leben darauf gewartet, dass sie mal jemand per Zitty-Inserat sucht.

    Leider endet diese romantische Geschichte hier, denn sie war frisch verliebt (und zwar nicht in mich).

  2. Herbert, ich glaube, genau JEDE Frau will mindestens einmal in ihrem Leben per Suchanzeige gesucht werden.
    Vielen Dank Rainer – ich fahr übrigens auch oft Ubahn 😉

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