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Cassandra Norton: Der Geliebte des Grafen

Im England zur Zeit Lord Nelsons ist es nicht besonders gern gesehen, wenn ein Graf auf Männer steht, vor allem, wenn der Erwählte auch noch ein Stallbursche ist. Edward kann sich aber seiner Gefühle nicht erwehren – da hilft es auch nicht, dass sein Vater ihm eine Braut aussucht und die Hochzeit arrangiert.
Während der enttäuschte Geliebte gekränkt das Weite sucht, wird Edward krank vor Sehnsucht. Dabei ist seine Braut gar keine so klischeehafte Zicke, wie es sein Frauenbild befürchten lässt. Und auch sie hätte lieber einen anderen Mann an ihrer Seite …
Ein expliziter schwuler Liebesroman vor historischer Kulisse und mit altertümlicher Sprache – das klingt erst einmal, als würde es so gar nicht zusammenpassen. Die Autorin (!) zaubert aus diesem Szenario aber eine Geschichte, die die Leserin durchaus anmacht. Da stört es gar nicht, dass die beiden hinreißenden Männer sich nichts aus der anvisierten weiblichen Leserschaft machen: Die leidenschaftlichen und detailreich beschriebenen Stelldicheins der beiden nur zu beobachten, hat eben auch seinen Reiz.

Cassandra Norton:
Der Geliebte des Grafen
Gay Historical, 170 Seiten


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Katrin Kropf: Halbbitter

Nach gescheiterter Ehe wagt Katrin einen Neuanfang und zieht an den Tegernsee, wo sie einen Job gefunden hat. Den passenden Partner sucht sie im Internet. Anfangs verliebt sie sich noch in ihre Verehrer, die sich aber ziemlich schnell als Flops herausstellen. Mit jedem Mann verliert sie ihre Skrupel und nimmt sich, was sie braucht – und was sie nicht braucht, wird sie schnell wieder los.
Die Erfahrungen der bekennenden Ostfrau lesen sich angenehm bodenständig; hier gibt es keine überdrehten Luxusweibchen mit Schuhtick. Unzickig und offen schildert Kropf die Gespräche und Begegnungen mit ihren »100 Männern«. Dabei schafft sie es, diese nicht wie notgeile Idioten dastehen zu lassen, sondern als liebenswerte Suchende.
Auch bei sich selbst spart sie nicht mit Kritik: Mit steigender Männeranzahl entdeckt sie eine beunruhigende Konsummentalität, die das Finden eines Partners unmöglich macht. So endet das Jahr auch nicht mit einem Happy-end, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Ein überraschend authentischer Bericht in der Flut reißerischer Sexbiografien.

Katrin Kropf: Halbbitter.
Mein Jahr mit 100 Männern
Autobiografischer Roman, 300 Seiten


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André Aciman: Ruf mich bei deinem Namen

Der Amerikaner Oliver verbringt den Sommer im Haus des 17-jährigen Elio, dessen Vater als Schriftsteller an der italienischen Riviera lebt. Bei Elio weckt der Doktorand Gefühle, die er Anfangs nicht erwidert sieht, doch in Gesprächen und bei gemeinsamen Ausflügen bahnt sich etwas an. Als Elio sich schließlich offenbart, wird aus der Schwärmerei mehr. Mit Oliver erlebt er einige Sommertage voller Leidenschaft, bis die Abreise des Geliebten naht.
Bei seinen Schilderungen vom Entstehen einer zaghaften Anziehung bis zur ersten Berührung fängt André Aciman meisterlich die wachsende Sehnsucht Elios ein. Dass diese Liebesgeschichte eine homosexuelle ist, spielt überhaupt keine Rolle – selten hat mich als Leserin ein Buch so berührt, fühlte ich mich den Protagonisten so nah.
Zuweilen droht die Geschichte ins Kitschige abzurutschen, doch gelingt es dem Erzähler immer wieder, durch überraschend direkte Sexszenen das allzu Süßliche zu brechen, ohne die Zartheit der Gefühle zu verraten – womit er daran erinnert, dass es sich hier nicht um »Zärtliche Cousinen« handelt, sondern um Sex zischen zwei Männern.


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Fischer, Karge, Reimann: Einmal eins ist eins, steck dein Ding in meins

Eine dreibändige Sammlung erotischer Lyrik in ungewöhnlicher, hochwertiger Aufmachung will der junge Züricher Kunst- und Literaturverlag herausbringen. Der jetzt erschienene erste Band widmet sich der »Volkserotik« – wobei das Wort Erotik nach Subtilität und Raffinesse klingt, von denen die derbe, ungekünstelte Sinnlichkeit dieser Texte frei ist.
Ohne Schuld, Leid oder andere bürgerliche Seelennöte wird hier der Trieb gefeiert, wohlig wie Ferkel im Garten Epikurs genießen die anonymen Verfasser ihre Körperlichkeit. In den Liedern, Sprüchen und Spottversen aus drei Jahrhunderten, welche die Herausgeber aus seltenen Publikationen zusammengetragen haben, geht es gern zotig und nicht besonders politisch korrekt zu.
Für dieses Werk haben Andreas Fischer und Gesine Karge, die Betreiber des Berliner Erotik-Antiquariats Ars Amandi, ihre Schätze mit denen des Sammlers Manfred Reimann zusammengelegt. Schade nur, dass mangels Quellenangaben keine Rückschlüsse auf Zeit, Ort und Sprache der Verse möglich sind. Schöne Illustrationen von unbekannter Hand runden den Band ab.


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Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters

Sind die Kinder bürgerlicher als die eigenen Eltern? Diesen Eindruck könnte man im neuen Roman des jungen Autors gewinnen. Die Welt des 23-jährigen Pflegers Philip wird auf den Kopf gestellt: Statt ein erholsames Wochenende bei seinem Vater am Bodensee zu verbringen, sorgt er sich um ihn. Warum fühlt sich Jakob von den Frauen bedroht, denen er doch so imponiert?
Der Dschungel aus Irrungen und Wirrungen verdichtet sich um Philip. Dazu trägt auch bei, dass der Vater verblüffend fit und ausgeglichen wirkt – nimmt er etwa Drogen? Das Bild des charismatischen, attraktiven 60-Jährigen passt nicht in das Muster des Sohns, genauso wenig wie die Spiele um Sein und Schein mit den beiden jüngeren Frauen, die in Jakobs Leben drängen.
Kern schildert den uralten Vater-Sohn-Konflikt zeitgemäß aus der Perspektive Philips, der sich im Lauf der Handlung immer wieder mit dem Vater vergleicht und ihm imponieren möchte. Letztlich erkennen beide ihre jeweiligen Probleme in Liebe und Sexualität. Die bildreiche, spielerische Sprache tröstet über die zum Teil etwas weitschweifige Erzählung hinweg, die mit einem unerwarteten Ende auftrumpft.


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Alan Wieder: Mein bestes Stück

Das Innenleben des Mannes ist ein geheimer Ort. Frauen, die darauf erpicht sind, dieses Gebiet zu erforschen, können sich an Alan Wieders autobiografischen Roman halten, der dem Leser (oder der Leserin) tiefe Einblicke in seine Welt gewährt.
Der Autor, ein erfolgreicher Produzent, war zehn Jahre lang ein treuer Ehemann, bis er eines Tages beschließt, seine Frau zu verlassen, um nochmal frei und ungebunden zu sein. Er bezieht eine Junggesellen-Bude, kauft einen Porsche und beginnt ein Leben als Frauenheld. Am Ende stellt sich die Frage, ob dies wirklich die richtige Entscheidung war.
Im Vorwort gesteht der Autor, dass er »einiges hinzugefügt (hat), damit diese zu 87 Prozent wahren Ereignisse etwas unterhaltsamer wurden«. Dieses Ziel hat Wieder mit seinem Erstlingswerk allemal erreicht. Locker, offen und mit Humor erzählt er von erotischen Sex-Abenteuern, peinlichen Masturbations-Eskapaden und den Zweifeln im Laufe einer Beziehung.
Der Roman hält mehr, als das weniger gelungene Cover verspricht, und überrascht immer wieder mit liebevollen, lustigen und mal mit traurigen Momenten – wie das Leben selbst.


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Sonja Ruf: Erste Lieben

Eine große und eine kleine Geschichte von der Liebe erzählt Sonja Ruf. In »Offene Zeit« verliebt sich Tina schon als kleines Kind in ihren acht Jahre älteren Pflegebruder Sebastian, ihren Beschützer. Nachdem er ein paar Jahre im Ausland gelebt hat, besucht sie ihn wieder als 16-Jährige. Während eines Sommers auf seinem Hof entwickelt sich aus ihrer pubertären Schwärmerei eine erste große, verbotene Liebe. Fast lässt sich Sebastian darauf ein, doch dann kommt es anders …
Rufs Sprache macht die Stimmung dieses Sommers extrem greifbar und lebendig. Als wäre man selbst im Rausch der Verliebtheit, fühlt man die Farben und Gerüche dieser Tage – und die unvorstellbar schmerzhafte Enttäuschung. Hilflos ist Tina der Urgewalt der sexuellen Anziehung ausgeliefert. Irgendwann wird aus dem verträumten Mädchen eine erwachsene Frau, aber diese erste Liebe lässt sie nicht los.
Ums Loslassen geht es dagegen in »Frauen im Muschelkalk«. Die Kurzgeschichte spielt in einem verlassenen Dorf, seltsam fern von dieser Welt – und von einem Glück, das kommt, wenn man am wenigsten mit ihm rechnet. Zwei herausragende Erzählungen.


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Sten Reen: Kornblum

Kornblum, der gescheiterte Künstler, hat sich leidlich mit seinem Leben arrangiert, als er in seiner Stammkneipe Terri kennen lernt. Sie fegt wie ein Wirbelsturm durch sein Leben, seine Gefühlssicherungen knallen durch. Es beginnt wie ein Märchen, aber bald schleichen sich Misstöne ein – etwa wenn Sten Reen die Welt durch Terris Augen anschaut und klar wird, dass es ihr eher ums Geliebtwerden als ums Lieben geht.
Bald kann Kornblum Terri nichts mehr recht machen, etwa wenn er sich um ihr Kind kümmert. Immer seltsamer werden ihre Aussetzer, auf Szenen der Zartheit folgen heftigste Auseinandersetzungen aus heiterem Himmel. Spätestens bei einer Fahrt an die Küste wird Kornblum klar: Terri ist ernsthaft psychisch krank.
Mit ihrer kompromisslosen Leidenschaft, dem enthemmten Sex und der unverblümt rohen Sprache erinnert der Roman an Djians »Betty Blue«. Zuweilen schnürt einem das fragile Glück regelrecht die Kehle zu, weil klar ist, dass es nicht von Dauer sein kann. So eine Leidenschaft ist nur möglich, wenn die Gefühle rücksichtslos bis zum Anschlag aufgedreht werden.


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Marcel Mathiot: Die erotischen Abenteuer des Monsieur Mathiot

Nach 68 Jahren Ehe verliert Marcel Mathiot die Frau an seiner Seite; er selbst ist fast 90. Doch statt sich resigniert zurückzuziehen und dem Tod entgegenzudämmern, genießt er die letzten vier Jahre seines Lebens. Er lässt seit Jahrzehnten schwelende Affären wiederaufleben, verbringt romantische Stunden mit den alten Damen seines Dorfes und beginnt sogar eine kurze Liebesbeziehung mit der Käuferin seines Hauses, die seine Enkelin sein könnte.
All das wissen wir, weil Marcel Mathiot, pensionierter Grundschuldirektor eines Städtchens im westfranzösischen Loire-Land, fast 80 Jahre lang Tagebuch führte. Sein letzter Eintrag datiert zwei Tage vor seinem Tod 2004. Zwischen die aufrichtig erzählten und empfundenen erotischen Episoden mischen sich Nachrufe auf verstorbene Freunde und Erinnerungen an frühe Liebschaften und andere prägende Erlebnisse. Sein Stil und seine Beobachtungsgabe wären eines Romanciers würdig gewesen.
Ein wunderbar menschliches Buch über die Lust am Leben. Es sage keiner mehr, man könnte zu alt für die Liebe sein.


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Inge Middendorf: Der Mann, der nicht küsste

In einem heißen Berliner Sommer trifft sich die etwa 60-jährige Ich-Erzählerin mit Orkan, einem deutlich jüngeren türkischen Familienvater. Ohne Schuldgefühle oder Scham genießen sie den gemeinsamen Sex. Die fast tropische Schwüle und das Verlangen bringen die Frau zum Fließen, sie ist wie eine reife, süße Frucht kurz vor dem Aufplatzen. Voller Lust gibt sie sich nicht nur Orkan hin, sondern auch immer wieder anderen Männern. Nur zuweilen mischt sich ein leiser Zweifel in ihre Gedanken: Orkan hat zwar schon jeden Flecken ihres Körpers erkundet, nur geküsst hat er sie noch nie – das spart er sich für seine Frau auf.
Man hat sich ein bisschen an die Bücher gewöhnt, in denen eine Frau leidend und dabei merkwürdig gefühlskalt von einer unglücklichen Affäre erzählt. Diese Geschichte hat damit aber glücklicherweise nur auf den ersten Blick Ähnlichkeit – gelitten wird hier wenig, denn trotz aller psychologischen Schärfe und Nachdenklichkeit geht es vor allem um Lebensgier und Sinnlichkeit. Von Anfang an weiß die Erzählerin: „Ich will alles mit ihm leben, was möglich ist, und dann will ich weitergehen.“