Permalink

0

Catherine Millet: Eifersucht

Vor neun Jahren tauchte der Name Catherine Millet auf der literarischen Landkarte mit dem autobiographischen »Das sexuelle Leben der Catherine M.« auf, einem Bestseller mit dem Air des Skandalösen. Das kürzlich erschienene »Eifersucht« ist eine Art Fortsetzung und Gegenstück davon.
Nackt sind diesmal jedoch eher die Seelen als die Körper. Millet, die als junge Frau 1972 eine Kunstzeitschrift gründete, durchlebte während der langen Beziehung zu ihrem Mann Jacques zahllose sexuelle Affären. Zufällig entdeckt sie eines Tages Hinweise darauf, dass auch er Nebenbeziehungen unterhält. Trotz ihrer eigenen Untreue trifft sie diese Entdeckung schwer, sie steigert sich in eine obsessive Selbstquälerei hinein, bis sie diese schließlich überwinden kann.
Millets zweites Buch taucht tief in seelische Abgründe hinab. Sprachverliebt und egozentrisch verrät jeder Satz jene Selbstsicherheit, die nur jahrzehntelange Zugehörigkeit zur intellektuellen Oberschicht verleihen kann. Diesem sehr französischen Buch leiht die Schauspielerin Nina Petri überzeugend ihre dunkle, nicht mehr ganz junge, sehr sinnliche Stimme.


Permalink

0

Ulli Weigel, Doris Lerche: Von Traumfrauen und Männerträumen

Gleich zwei Hörbücher hat Ulli Weigel für die Hörliteratur-Plattform Audible produziert und veröffentlicht. Das erste, „Von Traumfrauen und Männerträumen“, enthält die in diesem Feigenblatt veröffentlichte „Segeln mit Frau Pütz“. Auf sensible und humorvolle Weise erzählt Weigel auch in seinen anderen beiden Geschichten dieses Hörbuchs von ungewöhnlichen Alterskonstellationen – so setzt „Eine wirkliche Frau“ die alte Schülerfantasie von der Nachhilfestunde in Sachen Sexualkunde ebenso witzig wie sinnlich um, während „Edgar und Sine“ auf ihre alten Tage ihr Liebesleben nochmal ganz neu anpacken. Dazwischen durchlebt der Hörer in Doris Lerches „Giselle, meine Frau“ die Leiden und Vorstellungen eines Ehemannes, dessen Frau nicht so recht Lust auf ihn hat. Drei exzellente Sprecher verleihen den vier Texten ihre Stimmen.

Ulli Weigel, Doris Lerche:
Von Traumfrauen und Männerträumen
Hörbuch, 75 Minuten
9,95 Euro, über audible.de


Permalink

0

Ingrid Schmitz: Liebe, Lust und Lösegeld

Verführerisch sind sie ja, die Frauen in diesem Hörbuch, aber als Mann sollte man ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Diesen Fehler hat zum Beispiel Aaron gemacht, „Der perfekte Mann“. Eigentlich sollte er die Antwort auf alle Wünsche der leicht verbitterten Erzählerin in Nina Georges Geschichte sein. Doch sein blendendes Aussehen, seine Sensibilität und sein Verantwortungsgefühl bewahren ihn doch nicht vor einem bösen Ende. Nicht viel (aber doch etwas) besser ergeht es den ahnungslosen männlichen Opfern bei Tatjana Kruse, die mit „Teamwork“ eine ähnlich schwarzhumorige Geschichte mit sinnlicher Basisnote geschrieben hat. Nur Gabriele Keisers „Liebesgrüße“ fallen mit ihrem allzu konstruierten Plot ab. Die drei Geschichten sind ein Auszug aus der gleichnamigen Anthologie, die Ingrid Schmitz zusammengestellt hat Die Sprecherin Lisa Kreuzer, die zuletzt als Titelfigur des Films „Irina Palm“ zu hören war, erweckt mit ihrer dunklen Stimme die drei vor nichts zurückschreckenden Frauen wunderbar zum Leben. Bedient perfekt verborgene weibliche Rachegelüste.


Permalink

0

Astrid Martini: Engel der Schatten

Cecile weiß nicht, wie ihr geschieht, als sie Nicholas kennen lernt: Die sonst so schüchterne Frau erlebt mit dem geheimnisvollen Mann ungeahnte sexuelle Höhen und verfällt ihm völlig. In Wahrheit ist Nicholas ein gefallener Engel auf der Jagd nach menschlichen Seelen. Doch statt seinen Plan zu vollenden, verliebt sich Nicholas selbst in Cecile. Um sie aus seinem Bann zu befreien, verletzt er ihre Gefühle – und dann kommt auch noch ein zweiter Schattenengel ins Spiel … Der perfekte Liebhaber – Astrid Martini, Bestsellerautorin von „Zuckermond“, schafft mit ihrer düster-übersinnlichen keineswegs kitschfreien Geschichte einen plausiblen Rahmen für ihn. Die Sexszenen verfehlen ihre Wirkung nicht: Bei aller Explizitheit wahrt Martini ein romantisch-sinnliche Sprache, die nie ins Pornöse abrutscht Sinnlich schildert sie etwa den Dreier, mit dem Nicholas Cecile schockieren will, oder Ceciles widersprüchliche Gefühle bei der Verführung durch den bösen Engel. Jaron Löwenber tut mit seiner Stimme ein übriges, um diese Lust auch in den Hörerinnen zu entfachen.


Permalink

0

Chayenne Vega: Heimliche Lust

Das Grundthema dieser Hörbuch-CD fasst der Untertitel „Verbotene Phantasien“ besser als der eigentliche Titel zusammen: Alle drei Kurzgeschichten handeln von sexuellen Experimenten und kleinen Perversionen, zum Glück aber ohne die üblichen Folterkeller/Swingerclub- Klischees. Mal will ein Mann seine Freundin beim Sex mit einem anderen beobachten, mal trifft eine Frau, die Berührungen allenfalls durch Glacéhandschuhe erträgt, auf eine gleichermaßen ungewöhnliche Partnerin, mal entdeckt ein Paar den Reiz des Urinierens beim Sex für sich. Es geht also mit pornografischer Lust zur Sache, und leider übernehmen die Geschichten teilweise auch die üblichen Übertreibungen aus dem Hardcore- Genre. Das gilt vor allem für die erste Geschichte, wo sich ein sagenhafter Orgasmus an den anderen reiht und allzeit bereite Frauen schon von ein Paar Berührungen kommen. Wo sich die körperliche Leistungsfähigkeit der Protagonisten im Rahmen hält, wirken die Geschichten anregend und zeigen, wie man geheime Fantasien vielleicht in die Wirklichkeit umsetzt.


Permalink

0

Marc Berger: Das Flaschendrehen (gelesen von Irina von Bentheim)

Es sollte nur eine harmlose Grillparty werden, zu der sich drei Paare an einem Sommerwochenende treffen. Doch der schwüle Abend bringt die lauernden Spannungen in und zwischen den Paaren zur Entladung. Die Party droht, zum Desaster zu werden – da macht die ebenso schöne wie betrunkene Gastgeberin den Vorschlag, Flaschendrehen zu spielen … Das Teenagerspiel mündet, wie schon der Anfang der Geschichte vorwegnimmt, in eine Sexorgie. Bis es aber soweit kommt, müssen die sechs Männer und Frauen allerhand hässliche Wahrheiten erfahren und Demütigungen erleiden. Mit solchen fiesen Psychospielchen hält dieses Hörbuch eine Spannung, wie sie bei erotischen Geschichten selten ist. Der Erzählerin leiht die bekannte Synchronsprecherin Irina von Bentheim ihre Stimme.
Ein anderes Kaliber ist „Poolservice“, die zweite Geschichte auf der CD. Ist man bereit, als Handlungsort einen Swingerclub in Costa Rica zu akzeptieren und sieht man über sprachliche Mankos und Pornoklischees hinweg, hat der Text immerhin eine nicht ganz alltägliche, lang ausgekostete Sexszene zu bieten.


Permalink

0

Jürg Amann/Christian Brückner: Pornographische Novelle

Ein Mann, eine Frau, ein Hotelzimmer. Eine Nacht lang erkunden zwei Körper einander, überschreiten Grenzen: zur Zärtlichkeit, zur Leidenschaft, zur Gewalt. Am Ende steht, kaum angedeutet, ein grausames Verbrechen. Die Doppelnatur der sexuellen Verschmelzung als liebevolle Berührung und dionysische Enthemmung ist das Thema von Jürg Amanns Geschichte, für die er die traditionelle Form der Novelle wählte. Die Konzentration auf intime Details und die einfache, bildreiche Sprache machen das Geschehen zugleich plastisch und rücken es aus der Alltagswirklichkeit heraus, sie nimmt dem Hörer auch bei den heftigeren Szenen den Ekelreflex. Diesem außergewöhnlichen Text leiht Christian Brückner seine zu Recht bekannte Stimme.
Amann stellt der Novelle einen zweite Text zur Seite, den er selbst liest. Die Collage aus Briefen des Schweizer Autoren Robert Walser macht in der Tat deren unterschwellige, unterwürfige Sexualität deutlich. Über eine halbe Stunde hingezogen, nervt jedoch das Auf-der-Stelle-Treten der Bitten und Schmeicheleien gehörig.


Permalink

0

Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Ich gebe zu: Buchschreibende Prominente halte ich für eine der schlimmsten Seuchen des 21. Jahrhunderts. Ende der 90er-Jahre hat sich Charlotte Roche aber mit „Fast Forward“, der vielleicht besten Sendung des deutschen Musikfernsehens, echte Verdienste erworben. Geschickt hält Roche in dem von ihr selbst gelesenen Hörbuch die Balance zwischen dem charmanten kleinen Mädchen, das unbefangen alles ausprobiert, was Mutti verboten hat, das dabei immer schmutzig vom Spielplatz zurückkommt – und der coolen Sau, die an keinem Fleck im Höschen und an keiner Eiterbeule vorbeikommt, ohne ihnen ein paar Sätze zu widmen. Das ist oft sehr witzig. Allerdings kann die Bürgerschreck-Attitüde, mit der sich Roche zum Jackass einer schmerzbefreiten Borderline-Sexualität stilisiert, auch gehörig nerven.
Am Ende bleibt ein flaues Gefühl zurück: Immer mehr wirkt die Unbefangenheit wie ein Marketing-Trick, scheint die Provokation einkalkuliert – wie schon in ihren Lesungen über die komischsten Verletzungen bei der Selbstbefriedigung. Und die Fans klopfen sich die Schenkel vor Ekellust und Lachen.


Permalink

0

Tausendundeine Nacht

Wer sich die allgemein bekannten Märchen von Ali Baba, Sindbad oder Aladin anhören möchte, sollte kehrtmachen. Denn diese Fassung hält sich eng an das arabische Original – in Europa wurden die Geschichten umgewandelt, ausgeschmückt und das Anrüchige ebenso wie das Gottesfürchtige entfernt. Was wirklich in den 282 erzählten Nächten passiert, ist nicht für Kinderohren gedacht.
Sultan Schahriyar tötet aus Zorn über die Untreue seiner Frau nicht nur diese, sondern auch seine täglich wechselnden Gespielinnen – bis er Schahrasad und ihre abendlichen Erzählungen kennen lernt. Um ihr Leben zu retten, erzählt sie Geschichten, die von Komödie über Tragödie bis hin zu Burleske reichen, und bricht sie geschickt am Spannungshöhepunkt ab.
Gute 27 Stunden taucht der Zuhörer in diese exotische Welt ein und erfährt über die sanften Stimmen von Charlotte Schwab, Elisabeth Schwarz, Eva Mattes, Katja Riemann, Marlen Diekhoff und Heikko Deutschmann von Ängsten, Freuden, Sehnsüchten und Begierden – sinnenfreudige Entspannung an regnerischen Winterabenden.


Permalink

0

Alona Kimhi: Lilly die Tigerin

Übergewichtig und einsam kämpft sich Lilly durch das Nachtleben von Tel Aviv und durch diverse Bettgeschichten, bis sie ihrer Jugendliebe begegnet: dem hinreißenden Japaner Taro, der es vom Philosophiestudenten zum Raubtierdompteur und (nach zahllosen Operationen) vom Mann zur Frau gebracht hat. Er schenkt ihr ein Tigerjunges. Während Lilly es zusammen mit der derben Taxifahrerin Michaela und der unschuldigen Hure Ninusch aufzieht, verwandelt sie sich selbst allmählich in eine Tigerin.
Was in der Zusammenfassung wie eine Mischung aus Kafka und „Sex and the City“ klingt, wird im detailverliebten Erzählfluss Alona Kimhis erst richtig bizarr. Drastisch, bisweilen an der Ekelgrenze beschreibt sie Körperlichkeit. Diese Offenheit macht die erotischen Szenen zu etwas Besonderem, etwa in dem furiosen Anfang.
An der Hörbuchproduktion gibt es nichts zu mäkeln. Doch die Vielzahl an verschrobenen Nebenhandlungen und Exkursen fordert die Bereitschaft, sich auf diesen bemerkenswerten Roman einzulassen – gerade, wenn man ihn vorgelesen bekommt.