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Martin Eder: Der blasse Tanz

Ein bisschen ratlos lässt einen das erste Durchblättern zurück. Das Buch enthält um die 150 Aquarelle, von denen die meisten junge Frauen zeigen – mit dem Betrachter flirtend, in oft pornographischen Posen, die ihre bezaubernden Geschlechtsteile einladend zur Schau stellen, oder mit eher schüchternem Blick auf dem Bett drapiert. Auch manches unschuldige Jungmädchenporträt mischt sich darunter, Bilder von Schwangeren – und dazwischen Katzen und Hunden.
Das lesenswerte, aber etwas konfuse Vorwort der französischen Schriftstellerin Isabelle Azoulay ist keine Hilfe bei der Annäherung. Eders Aquarelltechnik ist makellos, die hingetupfte Flüchtigkeit der Bilder lässt jeden Malkursleiter vor Neid erblassen. Dennoch hat »Der blasse Tanz« keine Ähnlichkeit mit »Bilitis«. Die Gesten sind oft aggressiv, Farbflecken überziehen die Mädchen- und Tierbilder mit einem Hauch Zerstörung, sie werden zu Sexobjekten und Raubtieren. Die Münder, die Augen, die blasse Haut, die ach so süßen Kätzchen: Sie sind Vexierbilder, hinter denen sich Monstren verbergen. Die Unschuld, die beschworen wird, ist verloren gegangen.


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Ken-Ichi Murata: Naked Princess

Es sind böse Märchen, die der aus Osaka stammende Fotograf erzählt: Rotkäppchen im finsteren Wald hebt das Röckchen ihrer Schuluniform, in verfallenen Schuppen mit bizarrer Dekoration zelebriert die Prinzessin ihre Fesselkünste, und ein Herr im schwarzen Anzug richtet sein Teleskop auf den gespreizten Schoß einer jungen Frau. Bücher türmen sich auf, kaputte Uhren liegen neben einem Totenschädel und alten Fotoapparaten, verzauberte Schlingpflanzen winden sich aus den Vulven der unberührbar vollkommenen Mädchen.
Diese sinnlichen Träume mit dem subtilen Kitzel des Perversen stehen stets an der Kippe zu Alpträumen. Dazu trägt auch Muratas Muse und Modell Yumiko Yamasaki bei, die die ursprünglich schwarzweißen
Bilder mit zurückhaltend blassen Farben koloriert hat, als kämen sie aus einer anderen, seltsamen Zeit.
Zwar bedient sich Murata meist der japanischen Erotikklischees Schulmädchen oder Geisha, doch umrankt er diese mit so beeindruckenden, sorgfältigen Arrangements, dass jedes seiner Bilder überrascht, irritiert, vielleicht auch verstört. Nicht für jeden, aber faszinierend.


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Fred Goudon: Cinq

»Cinq« ist, man errät es unschwer, das fünfte Fotobuch des nach Los Angeles ausgewanderten Franzosen von der Côte d’Azur. Der Titel meint mehr als nur eine fortlaufende Nummer: Die »Fünf« soll Harmonie und Vollendung repräsentieren, und natürlich die fünf Sinne. Riechen, schmecken, hören und fühlen will Goudon den Betrachter die Männer lassen, die er teils im Studio, teils im Freien fotografiert hat.
Durchtrainierte junge Körper präsentieren sich dem Betrachter. Doch Goudon macht nicht den Fehler, diese schönen Männer in hohlen Bodybuilder-Posen zu zeigen. Sie liegen nachdenklich auf dem Bett oder stehen sinnierend mit ihren Waschbrettbäuchen im Studio. Den Anflug von Melancholie, den die Bilder in Schwarzweiß oder gedeckten Farben einfangen, können auch die kalifornisch leuchtenden Swimmingpools und die blauen Himmel nicht verscheuchen.
In kurzen Texten erzählen die Models von ihren Erfahrungen mit Goudon, der das Talent zu haben scheint, den Menschen Sicherheit und Vertrauen einzuflößen – und sie danken es ihm, indem sie eine sensiblere Seite zeigen als in den üblichen Männerakten.


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Astrid Martini und Sabine Schönberger: Schwanensee

Eine ungewöhnliche Idee: Die Bestsellerautorin Astrid Martini (»Zuckermond«) und die Fotografin Sabine Schönberger erzählen gemeinsam in Wort und Bild ein erotisches Märchen. Als Grundlage für dieses erotische »Märchen-Bilderbuch« diente den beiden Frauen das berühmte Ballett von Pjotr Tschaikowski, das von der in einen Schwan verzauberten Prinzessin handelt, die durch die Liebe eines Prinzen vom Bann eines bösen Zaubers erlöst wird.
Farbenfroh und blendend inszeniert Schönberger ihre Modelle. An der Ausstattung wurde nicht gespart: Prächtige Kostüme, viel Make-up und Perücken fangen die wollüstige Atmosphäre des 18. Jahrhunderts ein, die Szenerie wechselt zwischen einem Schloss, einem Bankett im Freien und einer Waldlichtung. Beim Durchblättern fühlt man sich in eine opulente Theater-Inszenierung hineinversetzt.
Die zuckersüße Geschichte und die vielen schönen Frauen und Männer (allen voran Prinz und Prinzessin), die Schönberger fotografiert hat, bieten den Leser(inne)n Stoff zum Träumen. Ein mutiges und aufwändiges Projekt, an das sich der Verlag hier gewagt hat.


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Dian Hanson: The Big Butt Book

Nach Brüsten, Penissen und Beinen widmen sich der Taschen-Verlag und seine Erotik-Chefin Dian Hanson zum vierten Mal einem Körperteil – dem weiblichen Hintern. Das Konzept hat sich nicht geändert: kolossales Format, freizügige Bilder vor allem der 50er bis 70er-Jahre, dazwischen überwiegend lesenswerte Essays.
Darin geht es etwa über die seit Jennifer Lopez aufkommende Mode, einen üppigen Hintern als Sexsymbol zur Schau zu stellen. Diese an sich gesunde Gegenbewegung zum Magerwahn, die sich an afrikanischen und lateinamerikanischen Schönheitsidealen orientiert, lässt die Zahl der Po-Schönheitsoperationen ansteigen.
Zu Wort kommen der Comiczeichner Robert Crumb, der Regisseur Tinto Brass – beide bekennende Pygnophile – sowie einige weniger interessante Rektal-Schönheitsköniginnen; Spanking und Analsex werden ebenso thematisiert wie Rassismus. Empfehlenswert ist das Buch vor allem für Liebhaber älterer Bilder, die sich von den neueren Aufnahmen im Buch wohltuend abheben. Merkwürdig, dass die meisten Fotografen (darunter Elmer Batters) nicht genannt werden.


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Gordon Denman: Love Sex

Für Zartbesaitete, die sich von Nahaufnahmen von Geschlechtsteilen eher abgestoßen fühlen, ist dieses Buch nicht gemacht. Denman geht mit seiner Kamera ganz nah ran, wenn er Paare beim Sex fotografiert. Aber mit den Produkten der Pornoindustrie hat „Love Sex“ nur oberflächlich Ähnlichkeit. Die Unterschiede beginnen mit dem grobkörnigen, kontrastreichen Schwarzweiß der Bilder, wie es Aktfotografen gerne verwenden; sie schaffen bei aller Nähe Abstand zu den liebenden Paaren, rücken sie aus der überscharf abgelichteten Wirklichkeit heraus.
Entscheidend ist aber, dass diese Paare offenbar wirkliche Paare sind – keine Darsteller, keine Models, sondern echte Menschen mit kleinen Makeln und wirklichen Gefühlen. Den Fotografen scheinen sie gar nicht wahrzunehmen. So variantenreich und hingebungsvoll sie ihre Liebespositionen variieren, so überraschend und intim sind Denmans Blickwinkel darauf. Zwischentexte versuchen löblicherweise, aber etwas unbeholfen, die Paare zu charakterisieren.
Selten haben Bilder intensiver das Gefühl leidenschaftlicher Sexualität vermittelt.


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Robert Mapplethorpe: The Black Book

Es ist heute nicht einfach, die ganze Wucht der radikalen Schlichtheit, mit der Robert Mapplethorpe seine Bilder komponierte, nachzufühlen – seine Bilder wurden Mitte der 80er-Jahre so erfolgreich, dass sich zahllose Nachfolger zwischen den heutigen Betrachter und das Original geschoben haben.
Das „Black Book“, für das er ausschließlich schwarze Männer fotografierte, ist ein Klassiker. Dennoch wirkt diese berühmte Bilderserie des 1989 an Aids verstorbenen New-Yorkers noch ein Vierteljahrhundert nach ihrem ersten Erscheinen so frisch, als wären die Abzüge eben erst trocken geworden.
Eine Aura von Konzentration und Klarheit umgibt Mapplethorpes Bilder. Bei vielen Fotografen führt so eine Reduktion auf das Wesentliche zu technokratischer Kälte, diese quadratischen Schwarzweißbilder dagegen leben und überraschen. Der Hinterkopf eines Soldaten, ein Mann in der Pose eines antiken Athleten, ein Gesicht, ein Unterleib wirken hier, als hätte man sie noch nie gesehen; traumhaft schöne Akte athletischer Körper stehen neben Ungewohntem oder Witzigem. Eine verdienstvolle Neuauflage.


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Tim Pilcher: Erotische Comics

Tim Pilcher hat vor allem die US-Produktionen zwischen Erstem Weltkrieg und 70er-Jahren im Blick. Dabei geht es nicht nur um längere Bildgeschichten, sondern auch um Pin-ups, kurze Comic-Strips und Cartoons aus Herrenmagazinen und Witzblättern. Vollendete Schönheiten stehen neben derben Porno-Zeichnungen mit der erregenden Aura des Verbotenen, subversive Phantasien treffen auf einen oft abstoßenden Herrenwitz-Sexismus, den Pilcher bei aller Bewunderung für zeichnerische Qualitäten auch so benennt.
Dieses schön gestaltete Buch versammelt viel Material, das faszinierende Einblicke in (überwiegend) männliche Begierden erlaubt. Freier als bei Fotos kann hier die Phantasie idealisieren, übertreiben oder wüste Exzesse darstellen. Etwas ausführlicher hätte man sich die französischen und italienischen Comics dargestellt gewünscht; man vermisst etwa Milo Manara oder Pat Mallet. Auch die Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte fehlen, was die Abwesenheit der enorm populären Hentai-Mangas erklärt. Aber eine Fortsetzung ist auf Englisch schon erschienen – wir freuen uns darauf!


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Véronique Vial: Paris Naked

Véronique Vial ist vor allem für ihre intimen „Portraits before 10 AM“ berühmt, auf denen sie verschlafenen Prominenten mit der Kamera erstaunlich nahe kommt. In ihrem neuen Bildband „Paris Naked“ thematisiert Vial nun das genaue Gegenteil: Eine sehnige Frau räkelt sich, nur mit Stiefeletten und Pelzmantel bekleidet, vor der Kulisse des nächtlichen Paris, sie wirkt wie zufällig abgelichtet auf ihrem Streifzug durch die Nacht.
Die Bilder wurden in vier Nächten zwischen September und Dezember 2008 zwischen Montmartre und Montparnasse aufgenommen und zeigen ein rohes Paris jenseits von Postkartenklischees und Amélie- Romantik. Der Kontrast zwischen steinerner Architektur und nacktem Fleisch wirkt reizvoll, doch das Model bleibt Objekt. Zweifelsohne wirkt sie dekorativ in den Raum geworfen, lässt jedoch nie
hinter die Fassade blicken und führt so die eigene Nacktheit ad absurdum.
Erotik basiert auf Distanz, behaupten die Paarpsychologen – doch ein wenig mehr vom verschlafenen Guten-Morgen- Gefühl der „before 10 AM“-Bilder hätten dem Bildband „Paris Naked“ sicherlich gut getan.


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Lingerie. Eine illustrierte Geschichte vom Mittelalter bis heute

Eine Korsage in seidigem Pink, eng geschnürt mit einem schwarzen Band – das man aber nicht lösen muss, denn um es zu „entkleiden“, genügt es, das Buch aus diesem dekorativen Schuber herausgleiten zu lassen. Passend zum Thema ist „Lingerie“ ein Augenschmaus, und das nicht nur für Wäscheliebhaber und Fetischisten. Die wunderschönen und mitunter sonderbaren Fotos und Zeichnungen haben viel Platz.
Das geht aber nicht zu Lasten der Texte. „Lingerie“ ist kein Bilderbuch, sondern erzählt die Geschichte der verführerischen weiblichen Unterwäsche vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Darüber dürfte kaum jemand so viel wissen wie Anne Zazzo, denn als Abteilungsleiterin im Modemuseum Paris und als Dozentin an der Ecole du Louvre kennt sie die Hersteller und die zeitgenössischen Debatten und kann die geheimen Botschaften in den Schnitten und Stoffen entschlüsseln. Leider liest sich das manchmal etwas holprig, was wohl auch mit der Übersetzung zu tun hat. Abgesehen davon erfreut dieses Buch gleichermaßen beim Blättern wie beim Lesen.