
Trotz aller guten Vorsätze, entgegen allen Wertevorstellungen – Affären passieren. Aber bedeutet das automatisch das Aus einer langjährigen Beziehung? Wie können die Beteiligten mit Kränkungen, Wut, Gefühlschaos und Besitzdenken umgehen? Patentrezepte hat Ulrich Clement nicht parat. Wohltuend unaufgeregt legt er die Ursachen für Seitensprünge dar und entzaubert die Binsenweisheit, dass so etwas nur in innerlich kaputten Beziehungen passiert. Er beschreibt die Schwierigkeiten, aber auch Chancen von Dreiecksund Viereckskonstellationen für alle Beteiligten. Wissen alle Partner Bescheid, werden die Karten neu gemischt. Bei der Entscheidung, welche Beziehung weiter gelebt wird, haben alle mitzureden. Meist ist der/die Geliebte nicht zufällig in diese Rolle geraten, sondern lebt eine Ambivalenz zu festen Bindungen aus. Nicht jede Affäre lässt sich also in eine Hauptbeziehung umwandeln. Clement geht es nicht um Bewertung – aber er zeigt Spielregeln auf, die den gegenseitigen Respekt und Freiraum sichern, den alle Menschen verdienen.
Ulrich Clement: Wenn Liebe fremdgeht.
Vom richtigen Umgang mit Affären
Sachbuch, 240 Seiten
16,90 Euro, Marion von Schröder

Wie soll es eigentlich heißen, das weibliche Geschlecht? Scham, Scheide, Möse, Muschi – oder doch eher „da unten“? Das Wort „Vagina“ klingt schön neutral, aber offenbar wissen selbst manche Feministinnen nicht, dass es nur den inneren, unsichtbaren Teil der Vulva bezeichnet. Wofür es keine Worte gibt, das ist auch nicht da, sagt Mithu M. Sanyal und spürt in ihrer viel beachteten kulturwissenschaftlichen Arbeit dem Verschwinden, Verdrängen und Wiederauftauchen der Vulva nach. Die Autorin beschreibt einen gewaltigen Bogen, der von prähistorischen Göttinnen über deren Unterdrückung im Christentum bis hin zu Riot-Grrls und PorNO-Kampagne reicht. Dabei stellt sie faszinierende Zusammenhänge her, die man trotz der streng wissenschaftlichen Fassade nicht immer auf die Goldwaage legen muss – so mag es zwar nahe liegen, den Teufel mit der Göttin Devi in Zusammenhang zu setzen, aber die Etymologie sagt leider etwas anderes. Solche kleinen argumentativen Hänger trüben aber das Gesamtbild nicht. Ein erhellender Blick auf Vergangenheit und Gegenwart unserer Kultur.
Mithu M. Sanyal: Vulva. Die Enthüllung
des unsichtbaren Geschlechts
Sachbuch, 240 Seiten
19,90 Euro, Wagenbach

Eine Naturgewalt, diese Frau. Vielleicht auch ein Verhängnis für die Männer, die ihren Weg kreuzen – und das sind viele, denn Mieze Aksentijevics Gier nach Lust und Leben ist unstillbar. Ohne Berechnung und ohne Gewissen nimmt sie sich, was sie zum Leben braucht. Ob sie die Männer, mit denen sie diese Lust teilt, in zufriedener Gleichgültigkeit oder in Verzweiflung, Eifersucht und zerrütteten Ehen zurücklässt, ficht sie nicht an.
Das klingt nach Tragödie, ist es aber nicht. Sinnenfroh und in knappen, fast unzusammenhängenden Episoden erzählt
Matijevic die Burlesken aus dem Leben seiner Heldin, und im Zweifel siegt bei ihm die Lust zum Fabulieren und Übertreiben über den Realismus.
Der Autor, der von sich sagt, er schreibe so wenig wie möglich, hat eine wunderbar verdichtete Sprache für seine personifizierte (Lebens-)Lust gefunden. Nur unter der Oberfläche schimmert Schwermut durch, vor allem, wenn sich hinter dem Dichter Rade Proust Matijevic selbst abzeichnet. Aber sentimental wird es nie – mit solcher Gefühlsduselei sollte man Mieze A. auch besser nicht kommen.

Es gibt diese Momente, in denen alles auf der Kippe steht. Eben scheinen die Dinge des Lebens wohlsortiert und geregelt, und plötzlich, scheinbar ohne äußere Ursache, hinterfragt man alles – was man tut, wer man ist, wen man liebt. Susanne Heinrich beschreibt so einen Moment, in dem drei Paare bis in die unteren Schichten ihres Seelenlebens vordringen. Es ist die Nacht vor Franziskas Hochzeit; nach dem Polterabend macht sie mit ihrem Bräutigam, ihren Freunden Clara und Max und deren Partnern durch. Diese drei Figuren erzählen kapitelweise die Geschichte dieser Nacht. Betäubt von Alkohol und Joints kommen die verwickelten Beziehungen und enttäuschten Erwartungen zur Sprache: die wahre Geschichte von Franziska und ihrem Bräutigam zum Beispiel. Oder was es mit Claras Zynismus auf sich hat. Oder warum Max bis zur Selbstaufgabe die labile Charlotte stützt. In einer sexuell aufgeladenen Stimmung werden Fragen gestellt und Antworten gegeben – aber kann man sich am Morgen wieder in die Augen sehen? Der erstaunlich reife Roman einer jungen Autorin.
Susanne Heinrich:
So, jetzt sind wir alle mal glücklich
Roman, 304 Seiten
19,95 Euro, Dumont

Wer kennt es nicht, das kribbelnde Gefühl, das sich im ganzen Körper ausbreitet, wenn man etwas Unerhörtes ausprobiert. Das Adrenalin, das durch jede einzelne Ader fließt, während man etwas wagt, das man sich nicht mal in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Dieser Kick treibt Diablo Cody, bekannt als Drehbuchautorin von „Juno“, dazu, sich eines Nachts ohne nachzudenken für einen Amateurabend in einem Stripclub anzumelden. Sie findet Geschmack an diesem Abenteuer: Während sie von einem Stripclub zum nächsten tingelt, findet sie immer mehr zu sich selbst. Mit einem großzügigen Spritzer Sarkasmus, einer gesunden Portion Selbstironie und einem breiten Fächer an Metaphern berichtet die Autorin ungehemmt von ihrem Leben als Tänzerin, Entertainerin und Stripperin. Dabei lernt sie die unterschiedlichsten Männer kennen: perverse Scheusale, schüchterne Verklemmte, lüstern Fordernde. Aber nicht nur Männer, sondern auch die Frauen lernt Cody mit anderen Augen zu betrachten – vor allem die, die sich vor Männern entblößen, posieren und sie gekonnt verführen: die Geishas Amerikas.
Diablo Cody:
Nackt
Roman, 273 Seiten
16,95 Euro, Kiepenheuer

Eva will einfach nicht erwachsen werden. Dabei hat die umtriebige Berlinerin genug Probleme am Hals: Die arbeitslose Architektin lebt von Hartz IV, hat eine verkrachte Beziehung hinter sich und ist Mutter – eine Rolle, die sie so gut es geht ausfüllt. Doch in den Wochen, in denen ihr Ex-Freund die Erzieherschichten übernimmt, versucht sie, mit ihrem Gefühlschaos fertigzuwerden und auf nächtlichen Disko-Streifzügen ihre Sehnsucht zu stillen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, beschreibt Anna Blumbach die exzessiven erotischen Abenteuer ihrer Heldin, zum Beispiel mit Tom, dem besten Freund und Frauenversteher, oder Kolja, dem exzentrischen Künstler. Bei allem sexuellen Genuss wirken diese Eskapaden oft wie ein Versuch, das Fragezeichen auszuradieren, das über Evas Zukunft steht. Blumbachs derbe Sprache liest sich anfangs ungewohnt, aber sie schafft auch eine starke Nähe zur Protagonistin und ihren Gefühlen. Mancher wird darunter Situationen entdecken, die er selbst so ähnlich schon einmal erlebt hat. Ein lustvolles und offenes Buch, das tiefer schürft, als es den Anschein hat.
Anna Blumbach:
Kurze Nächte
Roman, 256 Seiten
9,90 Euro, Anais

Mona Vara beschreibt einfühlsam die prickelnde Liebesgeschichte zwischen der jungen Rebellin Sophie und dem angesehenen Lord Edward im 19. Jahrhundert. Die historischen Begebenheiten – wie der Sieg über Napoleon – bilden dabei den Rahmen des erotischen Romans. Nachdem Sophie McIntosh ein ganzes Bergwerk in Schottland einstürzen lässt, schicken die Eltern ihre Tochter nach England. Dort soll sie Benehmen und Anstand lernen. Stattdessen kommt sie einer Schmugglerbande auf die Spur, begibt sich in ungeahnte Gefahren und befindet sich im nächsten Moment mitten in einer Orgie. Edward schützt nicht nur den Ruf der Familie McIntosh mit einer unbedachten Hochzeit, sondern versucht die Schottin auch zu zügeln. Ihr Temperament übt einerseits eine große Anziehungskraft auf ihn aus, andererseits bringt sie sich deshalb immer wieder in Schwierigkeiten. Bald darauf findet auch seine Zwillingsschwester Gefallen an der jungen Rebellin und lässt keinen Versuch aus, sich ihr zu nähern. Zwischen Macht und Hingabe demonstriert die Autorin das Entfachen der Liebe, der Leidenschaft und nicht zuletzt der Lust.
Mona Vara:
Süße Verführung
Erotischer Roman, 204 Seiten
14,90 Euro, Plaisir d‘Amour Verlag

Zum dritten Mal nach „She“ und „Days of Intimacy“ widmet Thomas Karsten, Deutschlands meist publizierter Aktfotograf, ein ganzes Buch einer einzigen Frau. Dennoch ist „Heat“ auch für ihn eine Premiere, denn anders als ihre beiden Vorgängerinnen teilt Bianca mit Karsten nur die Beziehung zwischen Fotograf und Modell. Die 22-jährige Deutsch-Spanierin ist ei großartiges Modell. Mühelos wechselt sie von mädchenhafter Koketterie und sympathischer Fröhlichkeit zu jener hitzigen Fraulichkeit, die dem Buch den Titel gibt. Vom Gesicht Angelina Jolie nicht unähnlich,
fangen die teils in Farbe, teils in Schwarzweiß gehaltenen Bilder mit der selben Hingabe ihren knabenhaft schlanken, beweglichen Körper ein. Eine Stärke Karstens ist, dass er nicht ständig „alles“ zeigen muss, um die sinnliche Ausstrahlung seiner Modelle einzufangen. Selbst die Porträts, mit denen er sich bisweilen begnügt, verzaubern – und vielleicht hat dieser Bildband seine erotischsten Momente dann, wenn er seinem Modell noch ein paar Geheimnisse belässt.
Thomas Karsten:
Heat
Bildband, 240 Seiten
39,90 Euro, Konkursbuch Verlag