
Da kann eigentlich nicht viel schiefgehen: Ein bekannter und erfolgreicher Aktfotograf arbeitet mit einem Dutzend Top-Models in einer Villa mitten in einer der reizvollsten Landschaften der Welt, der Toskana. Tatsächlich ist dieses Buch sehr schön geworden, nahezu perfekt – nur ist es keine Schönheit, die berührt, die beunruhigt oder gar wehtut. Wenn diese glattrasierten Fotomodelle im Pool oder auf der sonnenbeschienenen Veranda dem Betrachter ihre makellosen Körper präsentieren, bleibt nicht ein Funken Geheimnis von ihnen übrig. Man hat den Eindruck, dass Hegre ebenso gut Obst oder Möbel fotografieren könnte. Die Weinreben, Olivenbäume und Gartenskulpturen haben mehr Persönlichkeit als diese Frauen. Ab und zu findet Hegre aber auch ungewöhnliche Posen oder es blitzt ein bisschen Ironie auf. Mitunter ist sein Arrangement so überzeugend, dass einen diese kühle Vollkommenheit doch noch mitnimmt. Und wenn er seine Modelle lustvoll in die Weinkelter eintunkt, stellt der Betrachter erstaunt fest: Diese Frauen sind ja aus Fleisch und Blut.
Bildband, 160 Seiten
49,95 Euro, Edition Skylight

Eine zufällige Begegnung in einer durchzechten Nacht bringt das Leben des Erzählers auf ein anderes Gleis: Die Freundin eines guten Freundes weckt sein Bedürfnis nach sexuellen Experimenten. Er gibt seine Beziehung auf und stürzt sich in kokain und alkoholhaltige Abenteuer. Schließlich stößt er auf Tanja, die keineswegs so unscheinbar ist, wie er zuerst denkt. In ihrer Amour fou wagen sich Tanja und der Erzähler allmählich aus der Komfortzone des sexuell Normalen hinaus. Er schlüpft immer mehr in eine dominante Rolle, erfindet detaillierte Szenarien, die beide mit Aggression, Trotz und Leidenschaft durchspielen. Doch mit der Lust steigt zugleich sein Selbstekel und das Bedürfnis, diese kranke Beziehung zu beenden und sich mit einer neuen Liebe zu läutern. In manchem erinnert Jan Offs kleiner Roman an Philippe Djian (etwa „Blau wie die Hölle“), wobei die schroffe Sprache manchmal aufgesetzt wirkt. Doch die schrittweise Grenzüberschreitung und der Kampf mit den eigenen Dämonen machen das Buch zu einer kurzweiligen Leseerfahrung; auch Liebhaber literarischer Pornografie kommen hier nicht zu kurz.
Jan Off:
Unzucht
Roman, 174 Seiten
11,90 Euro, Ventil

Worum es hier geht, erklärt Sophie Andresky gleich auf der ersten von knapp 240 Seiten unmissverständlich: „Fickmir-das-Hirn-raus-Sex“. Marei wurde von ihrem Mann betrogen, zum Ausgleich erhält sie einen Freifahrtschein – zwölf Monate lang darf sie „ficken, vögeln, lecken, lutschen“ und tun, was sie will. Jedem ihrer Geliebten, egal ob männlich oder weiblich, widmet sie im Nachhinein einen Gang eines festlichen Menüs und erzählt, wie sie sich kennen und lieben gelernt haben. Die zahlreichen Sexepisoden schildert die Autorin dabei ohne Scheu: direkt, detailliert, derb und dabei durch humorvolle Wendungen aufgelockert. Andresky schafft es immer wieder zu überraschen und hält so die Spannung aufrecht – und am Ende kommt alles anders als gedacht. Eine fantasievolle, erotische Geschichte, die auf jeden Fall besser als das Buchcover ist. Wer auf den Geschmack gekommen ist, wird sich über eine weitere Neuerscheinung freuen: Der Haffmanns Verlag versammelt fünf ältere Bücher von Sophie Andresky in dem Tausendseiter „Mein Harem“ zum Zweitausendeins-typischen Kampfpreis von 18,90 Euro.
Sophie Andresky:
Vögelfrei
Erotischer Roman, 256 Seiten
7,95 Euro, Heyne

Gleich zwei Hörbücher hat Ulli Weigel für die Hörliteratur-Plattform Audible produziert und veröffentlicht. Das erste,
„Von Traumfrauen und Männerträumen“, enthält die in diesem Feigenblatt veröffentlichte „Segeln mit Frau Pütz“. Auf sensible und humorvolle Weise erzählt Weigel auch in seinen anderen beiden Geschichten dieses Hörbuchs von ungewöhnlichen Alterskonstellationen – so setzt „Eine wirkliche Frau“ die alte Schülerfantasie von der Nachhilfestunde
in Sachen Sexualkunde ebenso witzig wie sinnlich um, während „Edgar und Sine“ auf ihre alten Tage ihr Liebesleben nochmal ganz neu anpacken. Dazwischen durchlebt der Hörer in Doris Lerches „Giselle, meine Frau“ die Leiden und Vorstellungen eines Ehemannes, dessen Frau nicht so recht Lust auf ihn hat. Drei exzellente Sprecher verleihen den vier Texten ihre Stimmen. Mit „Von Traumprinzen und Frauenträumen“ ist zugleich Fortsetzung und Gegenstück zu den „Traumfrauen“ erschienen. Außer Weigel und Lerche haben Sandra Niermeyer und Anne Mohn ebenso erotische wie kluge Texte beigesteuert.
Ulli Weigel, Doris Lerche:
Von Traumfrauen und Männerträumen
Hörbuch, 75 Minuten
9,95 Euro, audible.de

Der „Virility“, der Männlichkeit, ist der französische Mode- und Werbefotograf Fred Goudon mit seinem neuesten Bildband auf der Spur. Wahre Männlichkeit erschöpft sich nicht in dumpfer Muskelprotzerei und aufgeplustertem Imponiergehabe – sie zeigt sich als Gleichgewicht von Kraft und Sensibilität, selbstsicher und lässig. Goudon begleitet seine makellos schönen Modelle in privaten Momenten des Mannseins: auf dem Bolzplatz, in der Umkleidekabine, unter der Dusche, beim Schwimmen, entspannt zuhause auf dem Sofa. Mal ist die Kamera scheinbar unbemerkt im Raum, mal hat das Modell Blickkontakt mit ihr, locker und vertraut wie mit einem guten Freund. Nur gelegentlich schleicht sich die eine oder andere Macho-Pose ein. Schwarzweißbilder dominieren, doch auch bei den farbigen Bildern geht es eher gedeckt als grell zu. „Virility“ ist wie ein langer Sommertag, an dem Frauen mit Lust auf schöne Männer ihr Vergnügen haben werden. Apropos: Wer den Film „Sex and the City“ aufmerksam angesehen hat, wird vielleicht einen der Nebendarsteller wiedererkennen.
Fred Goudon:
Virility
Bildband, 180 Seiten
39,95 Euro, Bruno Gmünder Verlag

Dass die DDR in sexueller Hinsicht relativ liberal war und eine lebendige Aktfotografenszene besaß, ist eine mittlerweile in vielen Berichten und Essays aufgearbeitete Tatsache. Mit „Schön nackt“ unternimmt der zur Eulenspiegel-Gruppe gehörende Verlag den angeblich ersten Versuch, diese Szene in einem Bildband zu würdigen. Unter den 18 Fotografen dürften Günter Rössler und Günter Gueffroy die bekanntesten Namen sein; allerdings fehlen Klaus Ender und Thomas Karsten. Abgesehen von wenigen Beispielen aus den 60er-Jahren stammen die durchgehend schwarzweißen Fotos aus den letzten beiden DDR-Jahrzehnten. Die meisten sind in natürlicher Umgebung aufgenommen, oft im Freien, sommerlich unbeschwert. „DDR-Frauen sahen sich nicht als Objekt“, schreibt der Maler und ehemalige Verbandsvorsitzende Willi Sitte in seinem stellenweise recht ostalgischen Vorwort. Bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Fotografen zeigen die Bilder tatsächlich meist Frauen „frei von Zwängen und Fesseln, von Ängsten und Sorgen“, die aus einer längst vergangenen Epoche zu kommen scheinen.
Schön nackt
Aktfotografie in der DDR
Bildband, 190 Seiten
19,90 Euro, Das Neue Berlin

Nach Penis und Brüsten widmen der Taschen-Verlag und seine Bildchefin Dian Hanson einem weiteren Körperteil ein kiloschweres Werk: Das Big Book of Legs sammelt schöne Bilder und lesenswerte Texte zum weiblichen Bein, ohne dabei Fuß, Nylons und High-Heels zu vernachlässigen. Fast alle Fotos stammen aus den 20er- bis 60er-Jahren, ihre Stars sind die Burlesque-Legende Bettie Page und der Fotograf Elmer Batters. Im Vergleich zu heutigen Porno- oder Softcore-Fotos zeigen sich vor allem die aus den 50er- und 60er-Jahren auf eine etwas unbeholfene, frische Art verrucht und obszön; man sieht ihnen an, dass sie aus einer bestenfalls halblegalen Grauzone kamen und nur heimlich angeschaut wurden. Statt ein Repertoire immer gleicher Formel-Posen und fixer Schönheitsideale abzurufen, experimentierten die Fotografen mit ihren Modellen und kamen zu teils überraschenden, teils seltsamen und teils großartigen Bildern. Apropos überraschend: Wussten Sie, dass die Nazis feindliche Soldaten mit (gut gemachten!) Pin-up-Flugblättern demoralisieren wollten? Eine wahre Fundgrube, dieses Buch.
Dian Hanson:
The Big Book of Legs
Bildband, 370 Seiten
39,99 Euro, Taschen Verlag

Das Konzept ist einfach, aber faszinierend: Auf jeder Doppelseite porträtiert Frannie Adams eine Frau auf zwei Bildern. Das linke könnte als Passfoto durchgehen – frontale Blicke auf freundliche, junge Gesichter, Bilder, die sich in Ausschnitt, Licht und Hintergrund kaum unterscheiden. Rechts daneben zeigt eine Nahaufnahme die Vulva dieser Frauen. Unweigerlich stellt man Bezüge her zwischen Augen, Lippen, Labien, Klitoris, so wie man sonst ein Gesicht mit der Figur, der Kleidun oder dem Gang verbindet. Adams‘ Behauptung, man könne keine zwei gleich aussehenden Vulven finden, belege die Fotos wunderbar. Jean-Christophe Ammann spricht im Vorwort von eine Lehrbuch der Physiognomie – tatsächlic ähnelt der sachlich-neugierige Blick auf das weibliche Geschlecht eher dem des Forschers als dem des Pornografen. Vergleiche mit Grit Scholz‘ „Tor ins Leben“ drängen sich auf. Doch wo Scholz gewaltsam versucht, die Vulva aus dem sexuellen in einen Naturzusammenhang zu rücken, lässt Adams den Betrachter mit dem Naturwunder des Geschlechtlichen allein. Ein Buch, das zum genauen Hinschauen anstiftet.
Frannie Adams:
Pussy Portraits
Bildband, 96 Seiten
39,90 Euro, Edition Reuss